Frühen Fremdsprachenunterricht bundesweit auf den Prüfstand stellen!

Mittwoch, 04. Januar 2017, 15:04 Uhr
Als absolut sinnvoll, notwendig, ja als im Grunde genommen überfällig hat der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, die Ankündigung der baden-württembergischen Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann bezeichnet, die Sinnhaftigkeit und Effizienz des frühen Englisch- und Französischunterrichts an der Grundschule zu untersuchen und zu evaluieren.
Nicht nur die Erfahrungen der Englischlehrkräfte an weiterführenden Schulen, sondern auch bereits vorliegende Studien von Sprachdidaktikern aus Eichstätt, Leipzig und Gießen wiesen darauf hin, dass es in der Praxis bislang kaum einen Unterschied ausmache, ob die Schülerinnen und Schüler mit dem Englischunterricht in Klasse 1 angefangen hätten oder in Klasse 3, sagte Meidinger.

Der Verbandschef betonte: „Seit Jahren fordern wir, dass genauso wie in Mathematik und Deutsch verbindliche Bildungsstandards auch für das Fach Englisch in der Primarstufe eingeführt werden. Bislang wurden diese Vorstöße jedoch in der Kultusministerkonferenz nicht aufgegriffen, obwohl die Kenntnisse der auf weiterführende Schulen übertretenden Kinder so weit auseinanderklaffen, dass dort nicht selten bei Null begonnen werden muss. Wir erwarten, dass Frau Eisenmann als neue KMK-Präsidentin dieses Thema auch bundesweit aufgreifen wird!“

Meidinger erinnerte daran, dass die Vorstellung naiv und wissenschaftlich in keiner Weise belegt sei, dass allein der frühe Beginn des Fremdsprachenunterrichts automatisch zu besseren Fremdsprachenkenntnissen bei Jugendlichen führe. Die Effektivität des Englischunterrichts an der Grundschule hänge ganz entscheidend davon ab, wie gut qualifiziert die Lehrkräfte seien, wie klar und verbindlich einheitliche Bildungsziele definiert würden, wie viele Stunden dafür zur Verfügung stünden und wie gut Methodik und Didaktik des frühen Fremdsprachenunterrichts auf den Unterricht an weiterführenden Schulen abgestimmt seien.

Der Verbandschef dazu: „An allen diesen Voraussetzungen hapert es zum Teil gewaltig!“ Er plädiere zwar nicht für eine Abschaffung des Fremdsprachenunterrichts an den Grundschulen, so Meidinger, aber für eine ehrliche Bestandsaufnahme und dafür, dass dann auch die notwendigen Konsequenzen gezogen werden. Seiner Meinung nach müsse das heißen:


1. Intensivierung des muttersprachlichen Unterrichts in den Klassen 1 und 2 der Grundschule und Beginn des Fremdsprachenunterrichts frühestens in der 3. Jahrgangsstufe.
2. Erarbeitung klarer und verbindlicher Bildungsstandards für den Fremdsprachenunterricht an der Grundschule.
3. Weitere Qualitätssteigerung in der fremdsprachlichen Ausbildung bei Grundschullehrkräften, die Fremdsprachen unterrichten.
4. Priorität an den Grundschulen muss der ausreichenden Beherrschung der deutschen Sprache und Wort und Schrift eingeräumt werden.
Der Vorsitzende des Philologenverbandes erinnerte daran, dass die teilweise überstürzte und konzeptionslose Einführung des frühen Fremdsprachenunterrichts vor 15 Jahren ähnlich wie bei der gleichzeitig verordneten Schulzeitverkürzung eine Folge der damals bei Bildungspolitikern und Parteien weit verbreiteten Vorstellung gewesen sei, ohne diese Reformen würden deutsche Schulabsolventen auf dem globalisierten Arbeitsmarkt chancenlos abgehängt.
„Heute wissen wir, dass Schnellschüsse in der Bildungspolitik selten das Ziel treffen, oft zu Kollateralschäden führen und dann später mühsam korrigiert werden müssen“, betonte Meidinger.

Berlin, 04.01.2017


Eva Hertzfeldt
Pressesprecherin

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